Distillery Review 16: St Georges – Ein neues Kapitel

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Nachdem ich auf meinen Reisen ins Land in dem Malt und Honig fließt gerne die Fähre von Hoek van Holland nach Harwich nehme, um die Verwandtschaft zu besuchen, durchquere ich automatisch die Grafschaft Norfolk im Nord-Osten Englands. Als ich den englischen Boden vor zwei Jahren betrat oder besser gesagt befuhr schwante mir bereits, dass ich wohl nicht lange auf meinen ersten Brennerei-Besuch warten müsste. Und wie es das Schicksal so spielt, führte mich der innere Kompass zur St George’s Distillery. Hier sollte angeblich erstmals seit 100 Jahren ein englischer Single Malt das Licht der Welt erblicken. Beladen mit meiner Neugierde und einer Portion schottischem Co-Patriotismus machte ich mich also auf den Weg zum Heiligtum der „English Whisky Company“. 

Ich fand St Georges an der Harling Road, sechs Gehminuten von der gleichnamigen Bus- und Zughaltestelle (wer die Öffentlichen nimmt sollte sich auf das Abenteuer Landstraße statt Gehweg einstellen…). Die Brennerei wurde 2006 von James (Vater) und Andrew Nelstrop (Sohn) eröffnet und bald darauf im Dezember floß das erste Destillat aus den Brennblasen. Vater James war leider einige Monate vor meinem Besuch verstorben. Er hinterließ jedoch sicher stolz wie Oskar die erste reine Whisky Brennerei auf englischem Boden seit über 100 Jahren! Kaum zu glauben, dass die Engländer so lange DSC_3425dafür gebraucht hatten. Woran mochte das liegen? Wasser Qualität? Mangel an erfahrenen Fachkräften? Oder lag gar ein schottischer Fluch auf dem Land das so viele Jahrhunderte den Highlandern zugesetzt hatte? Bis heute habe ich keine befriedigende Antwort auf diese Frage gefunden.

Nun an unqualifiziertem Personal sollte St George’s wohl nicht scheitern, konnten sie doch Iain Henderson, den langjährigen Distillery Manager von Laphroaig und vielen weiteren Brennereien, für sich gewinnen. So konnte sich das junge Projekt schnell einen gut Ruf in der Szene machen.

St George’s hielt lange Zeit an einer eisernen „Small Batch“ Politik fest, heißt der Whisky wurde ungefärbt und nicht kühlgefiltert in sog. „Chapters“ (Kapiteln) abgefüllt (meist eine Heirat aus zwei Einzelfässern). Nachdem die Kapitel 1-4 dem Young Malt (unfertigem Whisky) gewidmet waren, kam 2009 mit dem „Chapter 5“ der erste legale Malt Whisky mit 3 Jahren Alter auf den Markt. Neben der Altersangabe, ist für den Kunden zusätzlich das Destillier-Monat und -Jahr sowie Monat und Jahr der Abfüllung in die Flasche angegeben. Eine Transparenz die ich als Whiskynerd und Tastingveranstalter sehr zu schätzen weiß. Gerade bei kleinen Brennereien kann die Varianz zwischen verschiedenen Batches groß sein, was für uns als Endverbraucher verwirrend und frustrierend werden kann. Die Brennerei hat sowohl getorften als auch ungetorften Brand in den Fässern reifen und so kamen schnell weitere Kapitel hinzu. Chapter 15 (Juni 2009 – November 2014) kam 2015 im Auto mit nach Deutschland und wurde in einem der Hamburger Malt Mariners Tastings verkostet. Meine Deichkinder konnten dem Malt DSC_3438einiges abgewinnen und im Blind Tasting landete der grade mal 5 Jahre alte Whisky bei einigen der Besucher auf Platz 1. Neben einigen schönen hellen Früchten und Vanillenoten (den klassischen Aromen aus Bourbonfässern) kam hier ein intensiver fast schon teerartiger Rauch mit, der sich gut mit den Malts von der Insel Islay messen konnte. In meinen Augen ein gelungenes Erstlingswerk, wenn man es noch so nennen kann. Der ungetorfte 3 Jahre junge Malt, den es bei der Tour neben dem getorften Chapter 15 gab, konnte bei mir nicht so sehr punkten. Hier fehlte es mir persönlich noch an Reife. Die Diskrepanz zwischen diesen Abfüllungen ist nicht verwunderlich, denn torfgeräucherte Whiskys brauchen auf Grund der heftigen Aromen der Phenole weit weniger Reife und munden oft auch in jungen Jahren bereits. Zu den auf 46 % reduzierten Abfüllungen bietet die Brennerei ebenfalls Versionen in Fassstärke an. Für den Whisky Geek also ein kleines Paradies. Hier stach für mich besonders der Chapter 7 aus dem Rumfass (0459 & 0461/ Mai 09 – April 15) positiv hervor. Bei all der Begeisterung für so viel Liebe zum Detail ist aber dem ein oder anderen vielleicht schon der Haken an der Sache aufgefallen:

Es ist nämlich bei einer solchen Fülle an Spezial und Small-Batch-Abfüllungen für den Kunden der keine Überraschungen mag eine schwierige bis unmögliche Aufgabe ein und denselben Whisky nachkaufen zu können. Das hochhalten der Qualitätsflagge in allen Ehren, aber zum einen machen wenig Fässer noch lang keinen guten Whisky (insbesondere, sehr junge) und zweitens braucht der Markt eben auch eine gewissen Konstanz in den Abfüllungen. St George’s hat das Thema mittlerweile mit ihrer „Black Range“ angepackt und so gibt es vor allem für den Export Markt zwei Abfüllungen die in größeren Batches abgefüllt werden und in Deutschland von der Destillerie Kammer Kirsch vertrieben werden.

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Die Tour durch die Brennerei war äußerst liebevoll gestaltet und von einer, wenn ich das richtig verstanden habe, freiwilligen Helferin in den besten Jahren durchgeführt. Wir durften überall Fotos schießen und konnten eines der kleinen Lagerhäuser besichtigen. Mit 5 % Angles Share verteilen sie hier großzügig an die Engel, werden dafür aber mit einer leicht beschleunigten Fassreifung entschädigt. Das Bottling wird vor Ort noch von Hand erledigt. Die Karikaturen auf denen englischer Whisky und Haggis die schottischen Mauern überrennt stießen auf Widerstand bei meiner Schottlandliebe. Selbstbewusstsein in Ehren doch St George hat noch viel zu tun, wenn sie mit den erfahrenen schottischen Brennereien in einer Liga spielen möchten. Der Auftakt der Brennerei ist jedoch zweifelsohne gelungen und wir dürfen gespannt sein, was insbesondere mit ältergereiften Fässern in den nächsten Jahren auf den Markt kommt. Das Visitor Center hat sowohl dem Shopping Herz als auch dem Bauch mit Cafe und Kuchen viel zu bieten. Ein runde Sache!DSC_3446

Alles in Allem bin ich vom Besuch der Brennerei begeistert gewesen und prophezeie ihr eine glückliche und florierende Zukunft. Ich freue mich schon in den nächsten Jahren immer wieder einmal bei St George’s vorbei zuschauen und mich von den aktuellen Abfüllungen überraschen zu lassen. Besuch dringend empfohlen!

Fazit:
St George’s ist ein gelungenes Projekt, das vor 10 Jahren seinen Anfang nahm. Die Brennerei ist äußerst sehenswert und bietet Whisky Freunden ein tolles Gesamterlebnis. Ich bin überzeugt, dass der Whisky in den kommenden Jahren seine Kinderkrankheiten hinter sich lassen wird und schon bald in der ersten Liga des Malt Whiskys mitspielen kann. Mit einigen großartigen Abfüllungen braucht sich St George’s bereits heute nicht mehr zu verstecken. Thumbs up!

Slainte!

Euer Leon

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Fakten (Juli 2016):
Eigentümer: English Whisky Co.
Gegründet: 2006, James & Andrew Nelstrop
Produktionsvolumen pro Jahr: 50.000 Liter
Kapazität: 104.000 Liter
Stills: 1 Wash Stills, 1 Spirit Stills
Adresse: St. George’s Distillery, Harling Road, Roudham, Norfolk, NR16 2QW
Region: Norfolk, England
Aussprache: St George’s
Erreichbar: Mit dem Auto, Bus, Zug
Link: https://www.englishwhisky.co.uk/the-distillery

 

Quelle:

 

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