Distillery Review 27: Torabhaig – Just a pretty face?

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Der anhaltende Whisky-Boom ermutigt Schottlands Whisky-Industrie nach wie vor zur Planung und Bau neuer Brennerei-Projekte. Natürlich rüsten auch die schottischen Inseln fleißig auf. So war es nur eine Frage der Zeit, bis die Isle of Skye, die meist besuchte Insel Schottlands, Verstärkung in Sachen Single Malt Whisky bekommt. Seit gut zwei Jahrzehnten ist sich ein Teil der Whisky-Produzenten darüber im Klaren, dass ein Besucherzentrum sich nicht nur als Werbemittel eignet, sondern auch eine lukrative Einnahmequelle sein kann. Die Zahl der Touristen die jährlich nach Schottland reisen und Brennereien besichtigen hat sich seit 2013 bis 2017 mehr als verdoppelt. Gut 1,7 Millionen Gäste besuchten im letzten Jahr die schottischen Destillerien.

Nicht verwunderlich also, dass viele neue Whisky-Brennereien das Besucherzentrum und das Besuchserlebnis fest ins Konzept der Brennerei mit einbinden. Lindores Abbey und Kingsbarns in Fife, Annandale in den Lowlands, die neue Islay-Brennerei Ardnahoe und auch die Harris Distillery haben gut durchdachte Besucherzentren mit eigenen Cafe. Und dies sind nur einige Beispiele. Wie sieht es also mit Torabhaig (ausgesprochen „Toravag“ oder „Toraveig“) aus, dem Neuankömmling auf der Isle of Skye?

Bis 2017 war Talisker die einzige Single Malt Whisky Brennerei auf Skye. Der eigentliche Gründer der Brennerei war Sir Iain Noble. Der ehemalige Bänker engagierte sich sehr für den Erhalt der gälischen Sprache und Kultur. 1976 gründete er den unabhängigen Abfüller Pràban na Linne (Gälische Whiskys), die beispielsweise die Blended Whiskys Mac Na Mara und Té Bheag produzieren. Leider starb Sir Iain Noble 2010 bevor er seinen Traum einer eigenen Whisky-Brennerei verwirklichen konnte. Er hatte jedoch vor seinem Tod die Erlaubnis für den Bau der Brennerei erhalten. Der niederländische Konzern Marussia Beverages hatte zeitgleich geplant eine Brennerei auf der Insel zu bauen und setze daher die Arbeit von Sir Noble fort. Mit den neu gegründeten Mossburn Distillers übernahm das Unternehmen den Bau und die Fertigstellung der Brennerei. Nach vier Jahren Renovierungsarbeiten konnten die alten Farm-Ruinen auf dem Gelände in moderne wunderschöne Brennerei-Gebäude umgewandelt werden.

Bei unserem Besuch im August 2018 hielt die Brennerei zunächst den zugegeben hohen Erwartungen stand. Die Location ist atemberaubend schön und sicherlich nicht zufällig gewählt. Torabhaig ist an der Süd-Ost-Küste der Insel positioniert und somit ideal P1000538.jpggelegen, um Gäste in Empfang zu nehmen, die die Brennerei auf ihrem Weg passieren. Nimmt man die Fähre von Mallaig nach Skye kommt man unweigerlich an Torabhaig vorbei. Auch von der Skye Bridge ist es keine halbe Stunde mit dem Auto. Die wunderschöne Destillerie mit ihren weiß getünchten Außenmauern blickt direkt aufs Meer und erinnert so an die Verwandten auf der Insel Islay.
Die Gebäude sind in einem Viereck angelegt mit einem großen Innenhof, für Farmanlagen keine unübliche Konstellation. Bei der Restauration hat mal ganze Arbeit geleistet, wer sich die Vorher-Nachher-Bilder ansieht, weiß wovon ich rede! Die Brennerei ist mit einem kleinen Cafe ausgestattet, das bei unserem Besuch noch etwas karg wirkte (Nachtrag: hat sich mittlerweile geändert). Hier wird sicherlich noch aufgerüstet, es ist aber zu vermuten, dass hier zu sparsam geplant wurde. Die Besucherströme, die die Brennerei ohne Zweifel erreichen werden, bringen das Cafe vermutlich schnell an seine Belastungsgrenze. Im Sommer wird aber sicherlich ein Bereich im Hof zum draußen sitzen eingerichtet werden, eine traumhafte Location für einen Kaffee und Scones!
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Das Besucherzentrum ist schlicht und elegant eingerichtet. Es bietet bereits jetzt eine Reihe schöne Whisky-Souvenirs und die Blended Malts der Mossburn Distillers. Nachdem ich selbst bereits als Tour Guide tätig war, habe ich auch im Besucherzentrum meine Zweifel, ob die Brennerei größeren Besuchergruppen standhalten kann. Der erste Teil der Führung, die Präsentation und Erläuterung des Mälz-Prozesse, finden im Besucherzentrum auf einer kleinen Erhöhung statt. Das Malz der Brennerei wird mit ca. 50 ppm Rauchgehalt deutlich rauchiger ausfallen als die Nachbarbrennerei Talisker. An einem vollen Tag werden die Tour Guides hier womöglich alle Hände voll zu tun haben sich Gehör zu verschaffen. Bislang gelingt dies aber laut eigener Aussage sehr gut. Ich drücke die Daumen, dass es so bleibt! Das äußerst freundliche Personal ist sichtlich bemüht der jungen Brennerei einen best-möglichen Start zu liefern. Die Führung durch die Brennerei war in unserem Fall leider eher enttäuschend. Es sind keine Fotos während der Tour erlaubt, was in einer jungen Brennerei einem Schuss ins Knie gleichkommt. Die neuen Destillerien können jede erdenkliche Aufmerksamkeit brauchen und in der Social-Media-Ära ist dies ein denkbar unkluger Schachzug der Besitzer. Wir haben dank „Presse-Status“ eine Foto-Erlaubnis bekommen, reguläre Gäste gehen hier aber leer aus.
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Torabhaig geht den klassischen Weg der Malt Whisky Produktion in Schottland. Bei all den über-innovativen neuen Craft-Destillerien beinahe schon eine willkommene Abwechslung! Das Malz mit einem Rauchgehalt von 50 ppm wird in einer stählernen Mashtun mit Kupferdeckel zur Stammwürze ausgewaschen. Die acht hölzernen Washbacks bestehen aus Douglas-Fichte und halten die Würze rund 72 Stunden zur Vergärung. Anschließend wird auf den beiden klassischen Kupferbrennblasen aus der schottischen Kupferschmiede Forsyths gebrannt. Die Gesamtkapazität 2018 wird bei rund 500.000 Litern liegen, die Website spricht von 1,5 Millionen Flaschen Whisky jährlich. Nicht ganz stimmig.

P10005312.pngDie Dame die uns durch die Brennerei führte, konnte kaum weiterführende Fragen zur Produktion beantworten und wirkte nicht sonderlich begeistert von ihrer Arbeit. Dies kann aber auch an der mangelnden Erfahrung liegen, die die Brennerei auf Grund ihrer Jugend zwangsweise hat. In jedem Fall ist hier Luft nach oben! Die Angaben zur Kapazität der Brennblasen auf der Tour widersprechen denen auf der Website (Tour: 5.000 Liter Wash Still, 3.600 Liter Spirit Still; Website: 8.000 Liter Wash Still, 5.00 Liter Spirit Still). Allein an einer einzelnen Tour beurteilen wir jedoch nie eine Brennerei! Denn jeder Tour Guide und jeder Tag ist anders. Was uns allerdings neben dem Foto-Verbot übel aufgestoßen ist, ist die Tatsache, dass die Brennerei keine Lagerhäuser vor Ort hat. Der Besuch der Warehouses in denen der zukünftige Whisky schlummert, ist in jeder Brennerei ein Highlight und sollten, wenn möglich in die Tour eingebunden werden. Aus welchem Grund Mossburn Distillers sich entschieden haben, keine Lagerhäuser auf Skye zu bauen, ist uns nicht bekannt. In jedem Fall schneidet sich die Brennerei auch hier zweifach ins Bein. Zum einen nimmt sie sich die Möglichkeit den Besuchern ein eindrückliches sensorisches Erlebnis zu bieten, was der Marke in jedem Fall zu Gute käme. Zum anderen büßt der spätere „Insel-Whisky“ von Torabhaig massiv an Glaubwürdigkeit ein, da er, für jeden Besucher ersichtlich, nicht auf der Insel reift. Zwar ist es, besonders bei größeren Brennereien, gängige Praxis nicht den gesamten Whisky vor Ort zu lagern, dass sich aber eine Brennerei gänzlich gegen die Reifung für Ort entscheidet, ist ungewöhnlich. Besonders bei einem neuen Projekt und einer Insel-Brennerei im Speziellen ist die überraschend. Es fehlt daher bislang auf der Tour gänzlich an Demonstrationen des wichtigsten Teil der Whisky-Produktion: Der Fassreifung! Keine Fassdauben oder Fässer-Displays oder wenigstens Bilder davon. Wir hoffen sehr, dass die schöne Brennerei in diesem Feld nachrüsten wird, um die verpasste Chance mit den Lagerhäusern zumindest in einer visuellen Aufarbeitung auszugleichen. 10 £ kostet eine Führung derzeit, gemessen an dem Besuchserlebnis ist das viel Geld!

Am Ende der Tour gab es zwei Blended Malts von Mossburn zu kosten, die uns sehr positiv überraschten. Der Blend mit dem Fokus Inseln erinnerte uns an eine Mischung aus Arran und Tobermory! Yummy! Diesen konnten wir am Abend an der Küste von Skye in den mitgebrachten Torabhaig Gläsern genießen.

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Dass dieser Artikel einen Großteil Nörgeleien enthält, schmerzt uns beinahe, da der Ort und die Leute wirklich einen Besuch wert sind. Es ist vermutlich das Los eines viel-reisenden Whisky-Fans, dass einem vor allem verpasste Chancen und Verbesserungsmöglichkeiten auffallen. Wir hoffen, Ihr stattet der Brennerei bei Eurem nächsten Schottland-Urlaub einen Besucht ab und macht Euch selbst ein Bild, oder mehrere!

Fazit:
Ist Torabhaig also „nur ein schönes Gesicht“? Nein sicher nicht. Alles in Allem haben wir unseren Besuch bei Torabhaig genossen und fühlten uns sehr wohl. Die Brennerei ist, wie viele ihrer Zeitgenossen auf Besucher ausgerichtet, zeigt aber ein paar deutliche Schwächen in Sachen Fotos und Lagerhäusern. Wir hoffen sehr für das junge Projekt, dass die Kinderkrankheiten in der Zukunft auskuriert werden können.
Denn dass Torabhaig ein Besuchsmagnet wird, ist ist unzweifelhaft. Hoffen wir also, dass die junge Brennerei ihr riesiges Potential voll ausschöpft und sich nicht auf der wunderschönen Location ausruht. Wir werden mit Sicherheit in ein paar Jahren wieder kommen und sehen, ob sich etwas getan hat und natürlich gespannt dem fertigen Whisky entgegenfiebern.

+ Traumhafte Location, schöne Gebäude, Cafe, ansprechendes Visitor Center
– Keine Fotos auf der Tour, Fehlende Lagerhäuser und Fass-Displays, die  Tour ist gut aber ausbaufähig

Slainte!

Euer Leon

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Ein Gedanke zu “Distillery Review 27: Torabhaig – Just a pretty face?

  1. Hallo Leon,
    ich teile Deine Meinung zu Torabhaig.
    Im Juni war ich als einer der ersten Besucher vor Ort. Unser Guide „Hans“ aus den Niederlanden war sehr erfahren und hatte auch Spaß an seinem Job- hier hätte ich also etwas mehr Glück.
    Das die Lagerung nicht auf der Insel stattfindet ist sicherlich DAS große Manko. Deine Überschrift „just a pretty Face“ trifft es hier ähnlich, wie bei der neuen Macallan-Distillery wo ebenfalls auf einen Besuch der Lagerhäuser verzichtet wird.

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