Distillery Review 14: Glen Ord oder das Singleton-Paradoxon

Hallo liebe Kinder! Diesmal dürft ihr mich bei meiner Besichtigung der Glen Ord Distillery begleiten! Glen Ord… Sagt euch nix? Keine all zu große Überraschung.

Bevor wir uns also dem Besuch der Brennerei Glen Ord zuwenden, müssen wir gemeinsam einen kleinen Ausflug in das „Ministry of Mystery“ vom Spirituosen Großkonzern Diageo machen. Lange Zeit hatte ich auf meinen feuchtfröhlichen Whisky-Reisen den Whisky „The Singleton“ links liegen lassen. Teils weil es stets spannendere Alternativen zu probieren gab, teils weil das Design mich nie so ganz am Schlawittchen hatte (Flasche, Label… alles für mich irgendwie nichtssagend und… zu Ballentine-ish). Dazu kam, dass ich Singleton mit keiner Brennerei verknüpfen konnte und so rutschte die Abfüllungen mit diesem Namen bei mir in die unteren Etagen der „To try before I die“ – Liste ab (schon witzig wie Whisky-Psychologie funktioniert). Kameraschwenk… Schnitt.

Nachdem ich nun auf meinen Reisen immer wieder über Malt- bzw. Mitreisende stolperte, die die Brennerei Glen Ord besucht hatten und begeistert erzählten, dass man dort industrielle Maltings besichtigen könne, wurde ich neugierig und Glen Ord kletterte in meiner „Must See“ Liste unauffällig nach oben. Nach einer kurzen Internet-Recherche wurde mir klar, dass hier wohl der „Singleton“ hergestellt wird. „Der“ Singleton? Aber hieß es nicht immer auf den Flaschen „Singleton of Dufftown“? Dufftown liegt mitten in der Speyside während Glen Ord im Highlandspeckgürtel nord-westlich von Inverness liegt. Ich war verwirrt. Irgendwann hieß es dann mal „Singleton wird von drei verschiedenen Brennereien produziert“. Nun die Brennerei wird wohl hoffentlich Licht ins Dunkel bringen. Also auf zu Glen Ord. Vor Ort konnte ich dann Folgendes in Erfahrung bringen: „Der“ Singleton existiert nicht. Single Malts tragen im Normalfall den Namen der Brennerei auf dem Label, im Gegensatz zu Blends deren Bestandteile unbekannt sind und daher die Notwendigkeit eines Kunstnames entsteht. Hin und wieder gibt es Brennereien, die auch ihrem Single Malt Kunstnamen geben, zum Beispiel wenn sie eine Reihe rauchige Abfüllungen von ihrer nicht rauchigen Standardabfüllungen abgrenzen wollen (Siehe „Ledaig“ von Tobermory oder „Ballechin“ von Edradour). Singleton ist nun aber ein Kunst- und Markenname von Diageo, eine Art Logo, ohne direkten Bezug zur Brennerei. Das finde ich äußerst irritierend und verwirrend. In meinen Augen wäre das als würde es auf einmal einen „Golf GTI“ von VW, Audi und Skoda geben. Man kann die verschiedenen Singletons zwar unterscheiden, denn sie nennen sich beispielsweise „Singleton of Glen Ord“ oder „Singleton of Dufftown“, haben aber allesamt das selbe Flaschendesign. Der Glen Ord Singleton landet obendrein komplett in asiatischen Märkten. Der „Singleton“ der in Dufftown (in der Brennerei Dufftown im Ort Dufftown) gebrannt wird, wird uns Europäern eingeschenkt und Glendullan (auch in Dufftown, heißt aber Glendullan) kommt in den USA auf den Tisch bzw. ins Glas. Alles klar soweit? Nicht? Dito!

Also Diageo (der Spirituosen Großkonzern dem über die Hälfte aller schottischen Brennereien gehören) hat sich hier gedacht „wir geben mal drei komplett unterschiedlichen Whiskys den selben Namen und verkaufen ihn in verschiedenen Ländern. Aha. Um die Verwirrung perfekt zu machen hieß ursprünglich der Whisky der Brennerei Auchriosk, die ebenfalls einst zu Diageo gehörte… Na? Richtig! Auch Singleton! Auchriosk gehörte dann nun aber irgendwann nicht mehr zu Diageo und so mache der Konzern eben munter weiter mit dem Namen nur mit anderen Brennereien. Um der ganzen Verwirrung das Zitronencremebällchen aufzusetzen bedeutet „Singleton“ im Grunde nichts anderes als „Außergewöhnlich, einzigartig, speziell“. Ob nun dieser Name für eine Whiskyreihe aus 3 unterschiedlichen Brennereien so ganz geglückt ist, versehe ich mal mit einem dynamischen Fragezeichen.

Im Grunde konnte mir das recht egal sein, denn ich hatte bislang ja keinen Singleton probiert (weder den aus Dufftown, noch den von Glen Ord) der mich aus den Socken gehauen hat. Ich konnte den 12jährigen und 15jährigen probieren und muss sagen, dass beide Noten von hellen Zitrusfrüchten (Tastings-Notes Orangenschale kommt hin) und leichten Tabaknoten plus Eiche enthalten. Ich bin wie ihr wisst nicht sonderlich geschickt im kreieren eloquenter und schnörkeliger Tasting Notes, aber versuche immer wieder mal grobe Richtungen von mir zu geben ^^. Es sind für den Highland-Islands-Islay-Fan Geschmack wie meinen durchaus Ansätze da die gefallen. Die Tabak und Gewürznoten wären was für mich, wenn mehr Wumms und Krawall dahinter wäre. Ist es aber nunmal nicht. Die 40 Volumenprozente machen ihn handzahm und damit für mich vergleichsweise langweilig. Auf 46 % Plus würde ich mir diese Brennerei gern noch einmal ansehen.

Also spulen wir nochmal zurück: Ich im Auto auf dem Weg zu Glen Ord, wir betreten Mackenzie Clan Land. Man wird von den Industrie-Maltings begrüßt. Sieht scheiße aus, ist aber im Grunde super spannend, denn normalerweise kriegt man bei den heutigen Brennereien vom Mälzen nichts mehr mit. Für Geeks wie mich also eine interessante Nummer. Leider muss man die Tour (round about 60 Pfund!) für die Maltings im Voraus buchen. Für den Spontanbesucher wie mich also keine Maltings. Das Visitor Center selbst ist schick, ein großer Shop mit reichlich Diageo Whiskys (die ganze „Classic Malts“ Reihe eben, wie in allen Diageo Brennereien). Die Tour wurde von einer liebenswerten hübschen jungen Schottin aus der Gegend geleitet, deren Papa als Distiller in einer andere Brennerei arbeitet. Ich erfuhr, dass in den Maltings auch das rauchige Malz für Talisker (einen meiner Lieblingswhiskys) hergestellt wird. Einerseits cool, andererseits Abzüge im Realness-Faktor für Talsiker. Wie für Diageo üblich dürften keinerlei Fotos gemacht werden, daher entschuldigt die geringe Bildausbeute. Trotz dem massiven Ausstoß von 11,5 Millionen Litern im Jahr nutzt die Brennerei nach wie vor hölzerne Washbacks und eine vergleichsweise mittellange Fermentationszeit von 75 Stunden. Die Brennblasen von Glen Ord sind sehr speziell, alle miteinander sehr lang und hoch. Kein Reflux, keine Kugel in der Mitte und Wash und Spirit Stills sind kaum zu unterscheiden. Der Middle-Cut wird nach 20 Minuten geschnitten, bei ca. 68 % Vol. bis 55 % Vol. (round about 5000 Liter). Ein Lagerhausbesuch ist Teil der Tour, dafür gibts Pluspunkte. An der Bar bekommt man auch den ein oder anderen Extra Dram eingeschenkt, wenn man gute Manieren hat, auch hier muss sich Glen Ord nicht verstecken.

Fazit:
Glen Ord wäre ohne Maltings eine schnörkellose Diageo Brennerei ohne Ecken und Kanten. Design und Gestaltung würde ich als nett bezeichnen. Die Maltings machen die Sache für mich aber interessant und ich werde die Brennerei wohl noch einmal besuchen, um mir ein vollständiges Bild zu machen. Einen Besuch wert, wenn man in der Gegend ist. Wer nur einen Tag Zeit hat, dem stehen Balblair, Glenmorangie, Dalmore und Tomatin in der Nachbarschaft zur Verfügung.

Slainte!

Euer Leon

Fakten (Stand Juni 2016):

Eigentümer: Diageo

Gegründet: 1838, Thomas Mackenzie

Produktionsvolumen pro Jahr: 11,500.000 Liter

Stills: 3 Wash Stills, 3 Spirit Stills

Adresse: Muir of Ord, Ross-shire, IV6 7UJ, Scotland
Region: Highlands

Aussprache: Glen Ord

Erreichbar: Mit dem Auto, Bus, Zug

Link: https://www.discovering-distilleries.com/glenord/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s