Distillery Review 19: Cragganmore – A classic malt

Moin Moin Malt Fans! Zum Entstehungszeitpunkt dieses Artikels lebe ich seit knapp 4 Monaten im Whisky-Himmel in Aberdeenshire im Speckgürtel der Speyside. So kann ich ohne akuten Zeitdruck und Urlaubsstress meine heilige Mission, sämtliche Malt-Whisky Brennereien Schottlands zu besuchen, vorantreiben und auch in die entlegeneren Ecken vordringen. Die Speyside zählt mit über 50 aktiven Brennereien zur dicht besiedelsten Whisky-Region Schottlands und der Welt und als Whisky-Liebhaber fühlt man sich hier wie ein Kind im Süßigkeitenladen. Die großen Namen wie Macallan, Glenfiddich, Glenlivet und Glen Grant reichen sich hier die Hand und es ist gibt obendrein eine große Menge weiterer Brennereien mit Besucherzentren. Bei einem so großen Angebot fällt es natürlich schwer als einzelne Brennerei herauszustechen. Möglicherweise ein Grund, warum ich mir mit der Speyside schwer tue. Sowohl beim Whisky als auch bei den Brennereien.

Die Cragganmore Distillery wurde von mir lange Zeit schlicht übersehen, da ich aus mir unbekannten Gründen fest davon ausging, Cragganmore besäße kein Besucherzentrum. Ja nun, falsch gedacht! Auf meinen Reisen in den Cairngorm Nationalpark fuhr ich oft genug an dem braunen Hinweisschild „Cragganmore Distillery“ vorbei, das mich eines Besseren belehrte. Und als ich wieder einmal netten whiskyafinen Besuch hatte, fand ich war es an der Zeit Cragganmore einen Besuch abzustatten. Mein Eindruck von Cragganmore vor dem Besuch war Folgender:

Die Brennerei gehört zum Spirituosen Großkonzern Diageo mit dem mein Beziehungsstatus auf „kompliziert“ steht. Cragganmore ist Teil der ursprünglichen „Classic Malts of Scotland“ Reihe, die von Diageo im Gesamtpaket beworben wird (gemeinsam mit Talisker, Lagavulin, Dalwhinnie, Oban und Glenkinchie).  Bislang waren fast alle meine Besuche bei Diageo Brennereien ähnlich verlaufen mit den gleichen Kritikpunkten: Ein striktes Fotoverbot und eine zu uniformierte Firmenpolitik, die den Brennereien ein Stück Identität und Charakter raubt. Mein Eindruck vom Whisky selbst (so gut es geht losgelöst von der ideellen Einfärbung… no pun intended 😉 war soweit positiv. Ich hatte den 12 Jahre alten Standard probiert und ihn unter „guter fruchtiger und äußerst trinkbarer Speyside Malt“ gedanklich abgespeichert.

Schauen wir also, ob der Besuch meine Meinung über die Brennerei ändern konnte. Wäre ja nicht das erste Mal gewesen. Cragganmore liegt fast direkt an der A95 die Keith, Craigellachie, Aberlour und Grantown On Spey miteinander verbindet und sich in weiten Teilen am Fluss der Spey entlangschlängelt. Zu erreichen also nur mit dem Auto (außer ihr gehört zu den Wanderverrückten und  lauft den Speyside Way). Bei der Brennerei angekommen begrüßen uns die typischen Anzeichen einer Malt Whisky Brennerei… Lagerhäuser mit Spuren schwarzen Whisky-Pilz. Die Tour wird von einem jungen Kerl geführt, der uns sehr geduldig und in einem seeehr klarem und verständlichem Englisch (nicht immer üblich in Schottland 😉 durch den Produktionsprozess führt. In unserem Fall eine äußerst geeignete Tour für Whisky-Neulinge, für mich und meine Begleitung etwas einschläfernd. Ein Nebeneffekt zahlreicher Brennerei-Besichtigungen, den ich gerne in Kauf nehme, denn schließlich gibt es bei jeder neuen Führung im Detail etwas Neues zu entdecken! Also in Geduld üben und Augen auf! Für den folgenden Absatz wechseln wir in den Geek-Modus:

Für erwähnenswert halte ich die Verwendung der traditionellen Worm Tub Condenser, spiralförmiger Kühlröhren in außenliegenden Kühlwassertanks, die angeblich durch ihren höheren Kupferkontakt einen angenehmeren Brand erzeugen sollen. Nur noch sehr wenige Brennereien in Schottland arbeiten mit diesen Kühlsystemen, da deutlich ineffizienter sind, als die modernen Tube-Condenser und somit der Brennerei teuer zu stehen kommen. Auch die Brennblasen/Pot Stills sind scheinbar auf einen milden Brand ausgerichtet. Ihre Hälse gehen ein Stück über den Lyne-arm und enden dann abrupt (ich würde Euch ja gern Fotos zeigen… aber wie bei Diageo üblich war dies untersagt). Dies führt wohl zu einem erhöhten „Reflux“ einem Effekt durch den schwere Anteile des Dampfes zurück in die Brennblase fallen und erneut destilliert werden. Die Meinungen gehen wie so oft in diesem Fall aber auseinander, daher erwähne ich es nur, erhebe aber keine Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Der Middlecut wird nach ca. 20 Minuten bei 69 % Vol. bis 54 % Vol. geschnitten. Etwas schade finde ich, dass der Großteil des Whiskys von Cragganmore in Diageo-Lagerhäusern nahe Edinburgh lagert und nicht vor Ort. Dennoch reifen in den 4 Lagerhäusern vor Ort ca. 30.000 Fässer. In eines eben dieser endete die Tour und belohnte uns mit einem überwältigendem Angles Share. Ein Geruch von dem man wirklich nie genug kriegen kann. Dafür ein großes „Thumbs Up“!

Große Teile das Whiskys gehen in die Blends Old Parr, White Horse und Johnny Walker. Auch wenn mir dieses Tatsache nach wie vor das Herz bluten lässt, rufe ich mir wieder einmal ins Gedächtnis, dass wir es heute dem Blended Scotch Whisky zu verdanken haben, dass Whisky überhaupt zu seinem weltweiten Ruhm kam und wir heute in Deutschland eine so reiche Auswahl an Single Malts genießen dürfen. Aber ich schweife ab…

Was halten wir also von unserem Besuch bei Cragganmore? Für mich war es ein gutes Beispiel einer „Einsteiger-Brennerei“. Das Besucherzentrum besteht aus einem kleinen übersichtlichen Shop, etwas lieblos eingerichtet für meinen Geschmack. Über Touren urteile ich generell ungern, da sie stark vom Guide und der Tagesform abhängen (davon kann ich ein Lied singen). Vom subjektiven Eindruck her bietet Cragganmore das Standardprogramm, wird aber den versierten Whiskyfan nicht von den Socken hauen. Wer ein Fan der Marke ist, sollte vorbeischauen. Alles in Allem haben sich meine Vorurteile in diesem Fall bestätigt. Das Beste an der Brennerei ist in meinen Augen die 12jährige Standardabfüllung, ein hervorragender Whisky mit tollem Preis-Leistungs-Verhältnis. Tolle Fruchtaromen (bei mir meist helle Äpfel) spielen mit einer nicht-ganz-so-Speyside-typischen Würzigkeit und zarten Eichen- und Rauchnoten.

Fazit: Cragganmore bietet ein Standardprogramm, das lediglich mit den Worm-Tubs und dem Lagerhaus Highlights setzen kann. Das beste an der Brennerei ist für mich der Whisky. Und darauf kommt es am Ende ja an ;).

Slainte!

Euer Leon

Fakten (Oktober 2016):
Eigentümer: Diageo
Gegründet: 1869
Kapazität: 2.200.000 Liter (Rohbrand)
Stills: 2 Wash Stills, 2 Spirit Stills
Adresse: Ballindalloch, Moray AB37 9 AB
Region: Speyside
Erreichbar: Mit dem Auto
Link: https://www.discovering-distilleries.com/cragganmore/

*Ronde, Ingvar (2015): Malt Whisky Year Book 2016; Shropshire: MagDig Media Limited, Seite 89

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